Training
Organisationsentwicklung
Personalentwicklung
Supervision
Diagnose
In Beratung und Training gilt eine Regel, die im alltäglichen beruflichen Handeln oft nicht viel Bedeutung hat: keine Intervention ohne vorhergehende Diagnose, ohne sich ein tieferes Verständnis der Situation zu erarbeiten. Tiefer meint, die unsichtbaren, nicht kommunizierten, unbewussten Prozesse, Kräfte und Anteile der Situation mit einzubeziehen. Eine Diagnose sozialer Situationen ist nicht mit einer medizinischen oder technischen Diagnose vergleichbar, die anhand von Kennzahlen, Messwerten oder Tests eine „objektive“ Bewertung von außen vornimmt. Denn soziale und psychische Diagnosen sind nicht möglich, ohne die Klientinnen und Klienten sowie die Diagnostizierenden einzubeziehen. Was zwischen den diagnostizierenden und den diagnostizierten Personen (Übertragung – Gegenübertragung) vorgeht, wie sich das Zusammenspiel anfühlt, in welche Rolle die Berater:innen gebracht werden, welche Erwartungen an sie gestellt werden usw., all das liefert wichtige Hinweise auf den Zustand des Systems. Das heißt, die Diagnostizierenden müssen sich – im Beratungssystem – in die Situation hineinbegeben; sie müssen sich engagieren, damit sie Eindrücke gewinnen, die sie aus der Distanz heraus auswerten und für die Diagnose verwenden können.
Gerade bei Gruppen, Teams und Organisationen nützt eine Diagnose nur etwas, insoweit das Klientensystem diese nachvollziehen und (zumindest teilweise) als Selbstbeschreibung akzeptieren kann. Expertendiagnosen und -gutachten – obwohl oft sehr zutreffend – werden oft als fremd und von außen aufgesetzt erlebt, als eine Fremdbeschreibung, die mit der eigenen Sicht nichts zu tun hat, sodass sie ohne Konsequenzen bleiben.
Gruppendynamisch orientierte Beratung begreift den Prozess der Diagnose, der mit dem Klientensystem vollzogen wird, als zentrale Intervention, die dem System zu einem anderen, passenderen Selbstbild verhilft. So verschränken sich Intervention und Diagnose zu einer nicht voneinander zu trennenden Einheit. Auch die Rollen der Diagnostizierenden und der Intervenierenden, der Handelnden und der Reflektierenden lassen sich nicht (mehr) klar voneinander trennen. Das eröffnet neue Möglichkeiten, führt aber auch zu spezifischen Dilemmata, die nicht einfach zu bewältigen sind.
