Nachruf auf Elisabeth Hürter

Elisabeth Hürter ist am 13.September 2026 im Alter von 84 Jahren in München verstorben.

Mit vielen KollegInnen erinnere ich mich an Elisabeth Hürter als kluge Ausbildnerin und Beraterin, als engagierte Kollegin und treue Freundin, als einer ihrer Schüler, als Kollege und als Freund.

Elisabeth wurde am 30. April 1942 in Bolkenhain dem heutigen Bolków in Niederschlesien als zweites Kind des Lehrerehepaars Lucia und Josef Kothe geboren. Ihre Mutter ist am Ende des Krieges mit ihren beiden Töchtern in den Westen geflohen und hat sich nach vielen verschiedenen Stationen in Frankfurt niedergelassen. Ihr Vater ist in den letzten Kriegstagen gefallen, Elisabeth hat ihn nie bewußt kennengelernt. Die kleine Familie war zunächst bei Klosterschwestern untergebracht, und Elisabeth hat immer wieder davon erzählt, dass sie der Liebling der Schwestern gewesen sei und von diesen sehr umsorgt wurde.

Nach dem Abitur hat sie in München Deutsch und Religionslehre für das Lehrfach an Gymnasien studiert. Während ihrer Ausbildung zur Lehrerin lernte sie die Gruppendynamik kennen und diese Begegnung sollte ihr Leben privat wie beruflich entscheidend prägen.

In einem gruppendynamischen Training lernte sie Dr. Otto Hürter kennen, Arzt, Theologe, katholischen Priester und damals noch in Ausbildung zum psychoanalytischen Therapeuten. Er war einer der ersten gruppendynamischen Trainer in Deutschland und Mitglied der 1967 gegründeten Sektion Gruppendynamik im deutschen Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik (DAGG). Die beiden verliebten sich. Otto schied aus dem Dienst der katholischen Kirche aus und arbeitete seitdem als Psychotherapeut und freiberuflicher Trainer und Berater. 1972 heirateten sie, kurz vor der Geburt ihres Sohnes Tobias. Zwei Jahre später kam ihre Tochter Julia zur Welt. Elisabeth und Otto lebten und arbeiteten zusammen bis an sein Lebensende 2021.

In beruflicher Hinsicht führte die Begegnung mit der Gruppendynamik, Elisabeth zu einer ebenso grundlegenden Entscheidung: Sie ging nicht in den Schuldienst sondern wurde Teil der gerade aufblühenden Selbsterfahrungs und der Therapiebewegung der1960iger unf 1970iger Jahre.

Elisabeth absolvierte die gerade erst institutionalisierte Ausbildung zur Trainerin für Gruppendynamik der Sektion Grupendynamik im DAGG und wurde schon mit Anfang dreißig eine der jüngsten und eine der ersten Trainerinnen in Deutschland.

Am Psychodrama Institut Überlingen, bei der Schülerin von Jakob Moreno Gretl Leutz, qualifizierte sich Elisabeth zur Psychodramaleiterin. Kurz nach ihrem Abschluss, Anfang der 1980er Jahre, begann sie für dieses Institut Psychodramatikeri:innen auszubilden.

Die 1989 neu gegründete deutsche Gesellschaft für Supervision (DGSv) nahm Elisabeth Hürter als Mitglied auf und als Supervisorin wurde sie als Ausbildnerin und Lehrsupervisorin tätig.

In den 1990er-Jahren nahm Elisabeth selbst noch einmal an einer Ausbildung teil: Sie ließ sich in Zürich bei Verena Kast zur Psychoanalytikerin in der Tradition von C.G. Jung ausbilden, legte die Prüfung zur Heilpraktikerin ab und arbeitete als Psychotherapeutin.

Zu Beginn des „therapeutischen Jahrzehnts“ der 70iger Jahre (M. Tändler 2016) wurde Elisabeth als Fortbildnerin und Beraterin schnell zu einer gefragten Fachfrau. Dabei beeindruckte sie vor allem als Praktikerin, als eine Meisterin im Gestalten helfender Beziehungen. Sie konnte zu vielen unterschiedlichen Menschen so in Beziehung treten, dass sie sich verstanden fühlten. Sie war gut darin, sich in andere einzufühlen und darin, sich nicht von ihrem Mitgefühl überwältigen zu lassen und Abstand zu wahren. „Für eine wirksame Intervention braucht es eine Hand von vorne und eine im Rücken“ lautete einer ihrer Sätze. Jedes Feedback jede Infragestellung und Verunsicherung des eigenen Selbstbildes setzt eine haltende, solidarische und unterstützende Haltung voraus.

Besonders viel war von ihr zu lernen, wenn man sie als Trainerin und Psychodramatikerin bei der Arbeit erlebte: Sie konnte sich auf den Prozess der Gruppe einlassen, ihn beobachten und mitgehen ohne ihn vorschnell bestimmen zu müssen. Sie war sich ihrer Wirkung bewußt und sie war wenig um ihre Bedeutung besorgt.

Die Kollegin Elisabeth Hürter war immer bereit sich auf neue Projekte einzulassen und neues auszuprobieren, sie konnte sehr gut kooperieren und mitmachen. Sie supervidierte zahlreiche Projekte der Jugendhilfe, bildete Führungskräfte der Landeshauptstadt München fort und arbeitete über viele Jahre im Supervisionskreis der Erzdiözese München und Freising mit. Bei der Aufarbeitung des sexuellen Mißbrauchs in der katholischen Kirche hat sie viel mit den Opfern aber immer wieder auch mit den Tätern gearbeitet.

Die Wirkungen dieser Arbeit sind ihr bis zuletzt begegnet. So kam bei dem einen oder anderen anderen Kirchenbesuch nach dem Gottesdienst der Pfarrer auf sie zu: „Ja Frau Hürter erinnern sie sich an mich, sie haben mir damals in der Supervison gesagt .…“. Solche Begegnungen freuten Elisabeth.

Gemeinsam mit Kolleg:innen verband sie die Gruppendynamik mit dem Konzept der Selbstorganisation zu dem Ausbildungscurriclum Leiten und Beraten von Gruppen. TOPS betet diese Weiterbildung bis heute erfolgreich an, aktuell den 21. Durchgang.. Elisabeth gehörte zu den Gründerinnen von GuS München (Gruppendynamik und Selbstorganisation) und später von TOPS München Berlin und sie trug sehr viel zum Erfolg der beiden Ausbildungsinstitutionen bei. Ganz entschieden warb sie für die gemeinsame Angebot, von deren Wirksamkeit sie überzeugt war.

Als Kollegin war Elisabeth unerschrocken und kooperierte auch mit kompliziteren und einer guten Portion Narzissmus ausgestatteten Kollegen. Sie hat diese Kollegen moderiert, gemanaged und ihre sozialen Unverträglichkeiten abgemildert. Dabei war Elisabeth keinesfalls nicht nett oder harmlos. Sie konnte sich über den einen oder anderen Kollegen aufregen und klare Worte dafür finden.

Elisabeth tat sich schwer mit Konkurrenz. Sie selbst war fest davon überzeugt, dass sie nicht konkurrierte. Wer sie an dieser Stelle zu deutlich herausforderten, hatte es schwer bei ihr.

Elisabeth gestaltete ihr berufliches Leben gemeinsam mit und neben ihrem Ehemann Otto Hürter Zugleich war sie Ehefrau, Hausfrau und Mutter und übernahm, besonders in den ersten Jahren ihrer beruflichen Karriere, auch all die damit verbundenen „unsichtbaren“ Aufgaben. So emanzipiert sie war, so sorgend ist sie mit ihrem Mann und ihren Kindern umgegangen. Das war sehr anstrengend und manchmal aufreibend, es hat aber bei ihr nie so ausgesehen.

Die Ausbildnerin und Kollegin Hürter wurde vielen ihrer Schüler:innen und Kolleg:innen, auch mir zur Freundin. Mit Vertrauen und Aufmerksamkeit hat sie Freunde versorgt, aber auch mit Kuchen, Einladungen und Geschenken. Sie hat verständnisvoll zugehört und zugleich ihre eigenen Angelegenheiten mit anderen geteilt.

Und so blieb es auch nach dem Tod von Otto und dem Beginn ihrer Krankheit. Elisabeth haderte nicht mit ihrem Schicksal, „das kann man nur annehmen“ waren ihre Worte dafür. So hat sie die Freundschaften weiterhin gepflegt, sich über Ausflüge und Besuche gefreut und einen bis zum Schluß angelächelt auch wenn sie nicht mehr wusste, wer man war.

Wir trauern mit Ihren Kindern Tobias und Julia und den acht Enkeln.

München, den 29.10.2026

Karl Schattenhofer