Gruppendynamisch-systemisch coachen lernen: So arbeiten wir in unserer Coaching-Weiterbildung

Coaching-Weiterbildungen gibt es wie Sand am Meer. Die Dauer, Kosten und Ausrichtungen der Lehrgänge variieren erheblich. Und auch die Qualität und Intensität der Lehrerfahrung.

Bei uns startet im kommenden Jahr der 13. Kurs unserer Coaching-Weiterbildung. Das ist ein guter Anlass, bei unserer Leitung Hubert Kuhn mal nachzufragen, was unseren Lehrgang ausmacht:

Was unterscheidet „gruppendynamisch-systemisches" Coaching von einem Coaching-Ansatz, der auf das Individuum zentriert ist?

Um hilfreich und wirksam beraten zu können, ist es sinnvoll, die Situation des Coachee umfassend zu verstehen. Meist wird ein Coaching mit einem bestimmten Anliegen aufgesucht, oft auch in einer belastenden Situation. Belastung erzeugt Stress und Stress verengt die Wahrnehmung – zumindest bei den meisten Menschen.

Im Coaching wie auch in der Supervision will ich den Blick wieder weiten, sowohl auf mögliche Ursachen des Problems als auch auf mögliche Lösungen, die bisher noch nicht im Blick waren.

Mit einem gruppendynamisch-systemischen Fokus untersuche ich mit dem/r Coachee, den Hintergrund des aktuellen Problems: Welche Kräfte oder Dynamiken sind aktuell in der Organisation, im Team, im persönlichen Umfeld des/r Coachee wirksam? Natürlich auch, wie ist die innerpsychische Dynamik mit den individuellen Gefühlen und Bedürfnissen.

Wer sich nur auf das Individuum konzentriert, kann wichtige Faktoren im Umfeld übersehen, die sowohl für die Problementstehung als auch für die Verbesserung der Situation wichtig sind. Wichtig ist auch, Coaching als Prozess zu verstehen.

Welche Informationen und Eindrücke bekomme ich am Anfang, welche Aspekte sind im Vordergrund, welche Themen sind -noch- verborgen? Wie entwickelt sich die Kommunikation und Arbeitsbeziehung und welches umfassendere Bild des ursprünglichen Anliegens entsteht?

Kannst du das an einem konkreten Beispiel zeigen, wie sich diese Systemik im Coaching tatsächlich bemerkbar macht?

Eine Führungskraft kommt ins Coaching, weil sie mit ihrer Rolle im aktuellen Leitungsteam unzufrieden ist. Sie beschreibt die Situation als sehr belastend, zieht sich und die eigenen Kompetenzen sehr in Frage und zweifelt, ob die Entscheidung für diese Führungsstelle richtig war.

Hier könnte ein rein individuumszentrierter Ansatz schnell auf die latente Selbstwert-Problematik fokussieren. In der genaueren Untersuchung des Führungsteams, der beteiligten Personen, der Chefin und der Geschichte des Leitungsteams wird der Coachee klar, dass hier sehr starke und konfliktgeladene Kräfte am Werk sind: Leitung und Stellvertretung arbeiten nicht zusammen, verschiedene Fraktionen führen einen verborgenen Machtkampf und einzelne Personen fallen durch exzentrische Verhaltensweisen auf…

Das Interesse an einer sachorientierten Arbeitsweise im Leitungsteam wird (vorerst) nur von der Coachee geäußert. Im Rahmen dieser Gruppendynamik im Team erscheint es sinnvoller, mit der Coachee an kleinen Schritten für die Verbesserung ihrer Situation zu arbeiten: Wer kann sie unterstützen im Leitungsteam? Welche Vorhaben sind ihr wichtig und wie kann sie sie klug vorbereiten und vorbringen? Was gehört zu ihrer Rolle und was nicht?

Warum ist ausgerechnet die gruppendynamische Trainingsgruppe – und nicht etwa Einzelsupervision oder reine Theorievermittlung – der zentrale Lernort für angehende Coaches?

Die gruppendynamischen Trainings der Coaching Weiterbildung fokussieren zwei Themen:

Erstens, wie nehme ich das komplexe Zusammenspiel von Einzelnen, der Gruppe, der Leitung der dem gemeinsamen Ziel wahr? Welche Kräfte sind in welcher Situation wirksam? Wie werden die zentralen gruppendynamischen Themen, Zugehörigkeit, Macht und Einfluss sowie Nähe und Distanz, verhandelt und entschieden? Welche offenen und verborgenen Dynamiken beeinflussen mich und die Gruppe?

Und zweitens sind gruppendynamische Trainings eine intensive Möglichkeit der Selbsterfahrung. Die Person des/r Coach ist die wichtigste Methode! Davon gehen wir aus und dies lässt sich auch durch viele Studien zu Coaching und Psychotherapie belegen. In den fünf Tagen eines gruppendynamischen Trainings kann ich in einem geschützten Rahmen untersuchen, wie ich Beziehungen gestalte: Was biete ich an? Was suche ich? Was vermeide ich? Welche Themen und Auseinandersetzungen fallen mir leicht, welche schwer, welche vermeide ich? Was kann ich mich hier trauen und eventuelle neue, stärkende Erfahrungen machen?

Was genau geschieht im „Hier und Jetzt" der Trainingsgruppe – und in den späteren Lehrsupervisions- und Intervisionsgruppen –, das sich in der Eins-zu-eins-Coachingbeziehung wiederfindet?

Coaching erfordert situativ angemessen handeln zu können. Das geht weit darüber hinaus, eine tolle Methode vorzubereiten und durchzuführen. Einerseits sollte die Methode zur Situation passen und andererseits, wie geht es danach weiter?

Im „Hier und Jetzt" der Trainingsgruppe kann man erfahren und erweitern, wie die aktuelle Situation wahrgenommen wird und welches Handeln daraus entsteht: Welche eigenen Gefühle und Bedürfnisse sind im Vordergrund wirksam und welche im Hintergrund und bräuchten vielleicht auch Beachtung? Wie nehme ich die Gesprächspartner:innen wahr, ihre Gefühle und Motive? Welche Wirkung haben meine Verhaltensweisen und will ich das?

Im „Hier und Jetzt" der Trainingsgruppe wird „Gegenwarts-Kompetenz“ trainiert: wahrnehmen und situativ entscheiden zu können, welches Verhalten jetzt und hier stimmig ist.


Unsere Coaching-Weiterbildung zielt auf eine „eigene Haltung und Identität als Coach". Wie unterscheidet sich diese Identitätsentwicklung von reinem Methodenlernen?

Die eigene Haltung und Identität als Coach zu entwickeln stärkt und gibt Sicherheit. Davon ausgehend kann ich eine hilfreiche Arbeitsbeziehung mit sehr unterschiedlichen Coachees aufbauen und situativ entscheiden, ob eventuell eine Methode im Prozess weiterführt. Darum geht es im Coaching – eine hilfreiche Arbeitsbeziehung, in der die wesentlichen Themen offen und „psychologisch“ sicher besprochen werden können.


Welche typische Veränderung beobachtest du bei Teilnehmenden zwischen erstem Workshop und Abschluss der Weiterbildung?

Die Teilnehmenden gehen innerlich gestärkt, offener und selbstbewusst!  Sie kennen ihre Stärken und auch ihre weiteren Entwicklungsmöglichkeiten, kennen unterschiedliche Methoden und können auch mit herausfordernden Situationen im Coaching umgehen.

 
Für wen ist dieser systemisch-gruppendynamische Ansatz besonders geeignet – und für wen eher nicht?

Wer intensiv an der eigenen Beratungskompetenz arbeiten und auch an sich als Person in Beziehungen weiterentwickeln will, für den ist die Weiterbildung geeignet. Wer vor allem Theorie und Methoden lernen will, ohne sich selbst zu reflektieren, ist woanders besser aufgehoben.