Sozialer Prozess

Wenn man von einem Prozess spricht, so meint man damit im allgemeinsten Sinne die Veränderung eines Systems in der Zeit. Soziale Prozesse, mit denen wir es in unserem Zusammenhang zu tun haben – wie die Entwicklungs-, Lern- oder Veränderungsprozesse von Individuen, Gruppen oder Organisationen, aber auch die von Beratungen –, sind dadurch gekennzeichnet, dass man sie nicht vorhersagen und deswegen auch nur begrenzt planen kann. Soziale Systeme sind am besten zu verstehen, wenn man sie in gewisser Hinsicht von ihren Umwelten autonom und deswegen als von außen nicht direkt durchschaubar und beeinflussbar ansieht. Als Systeme mit einer individuellen Geschichte, deren Vergangenheit ihr zukünftiges Verhalten beeinflusst, können sie auch nicht an den Anfang ihres jeweiligen Prozesses zurückkehren; soziale Prozesse sind insofern irreversibel.

In der Beratung zeigt sich dieses Prozessverständnis an zwei entscheidenden Stellen:

  • Die Beratung selbst wird als Prozess verstanden und gestaltet, bei dem sich das Beratungssystem unter Beteiligung aller, die ihm angehören, entwickelt und verändert. Auf die Gestaltung des Beratungssystems wird somit ein Hauptaugenmerk gelegt – das erklärt auch die entscheidende Rolle, die die Ratsuchenden selbst bei der Beratung einnehmen. Beratung läuft nicht gleichförmig als lineare Entwicklung vom Punkt A zum Zielpunkt B ab, sondern ist selbst ein – nicht vorhersagbarer und planbarer – Prozess, der diskontinuierlich mit Krisen und Unterbrechungen, mit Höhen und Tiefen usw. abläuft und der immer wieder neu verstanden und gestaltet werden muss.
  • Der Zustand des Klientensystems, sei es ein Individuum, eine Gruppe oder eine Organisation, wird immer als momentaner Zustand angesehen und nicht als endgültiger, möglicherweise unveränderbarer. Das gilt für zu verändernde, aber auch für wünschenswerte Situationen, in denen sich das Klientensystem befindet. Dabei können sich Phasen mit größerer und geringerer Stabilität oder mit unterschiedlich ausgeprägtem Gleichgewicht unterscheiden. Akute Krisen sind somit oft ein Zeichen für eine erhöhte Veränderungsbereitschaft.