Szenisches Verstehen

Jeder kennt und versteht das Sprachbild „eine Szene machen“. Szenen gestalten sich mittels Aufführung, sind als performative Handlungs- und Sprechakte zu begreifen, die – hier nicht auf das Theater bezogen – an eine außersprachliche, nicht bewusste Wirklichkeit anknüpfen und diese unwissentlich mitvollziehen.

Der Begriff „szenisches Verstehen“ im engeren Sinne kommt aus der neueren Psychoanalyse, namentlich sprechen Argelander (1970) und Lorenzer (1973) von dramatischen Szenen, die untergründig, also neben den kompetent logischen Sprachäußerungen, ihre eigene Dynamik und Dramatik entfalten, die sich aus unbewussten Quellen speisen (1970, S. 63) und eine weitere Ebene des Verstehens eröffnen. Diese Art des Verstehens bezeichnet Lorenzer als „Verstehen der Situation“ (1973, S. 158 ff.)

Eine Berufsschullehrerin, zugleich Abteilungsleiterin, berichtet in der schulischen Supervisionsgruppe von ihren Ängsten und Hemmungen einem älteren Kollegen gegenüber, der in den Verdacht geraten sei, Klassenarbeiten subjektiv und ungerecht zu beurteilen. Schüler haben sich deswegen wiederholt bei ihr beschwert. Sie sagt, sie müsse jenen Kollegen ansprechen, habe aber Hemmungen, dieses zu tun, und schiebe die Sache vor sich her. Sie fürchte dessen Reaktion. Er werde schnell ungehalten und aggressiv. Die sonst vernünftige, durchaus nicht schüchterne Frau wehrt sich in der Gruppe gegen alle nachvollziehbaren Vorschläge seitens der Gruppenmitglieder, wie sie das Gespräch mit ihm führen könnte. Irgendetwas wehre sich in ihr, diesen Kollegen anzusprechen. Sie fühle sich ihm nicht gewachsen. Daraus entfaltet sich in der Gruppe eine Szene. Die Ratsuchende wird wie ein hilfloses Kind behandelt, denn jeder weiß besser, wie sie die Sache vorsichtig anpacken sollte. Schließlich sagt eine Kollegin leicht ungehalten, aber bestimmt: „Ich würde einfach hingehen und ihn mit den Beschwerden der Schüler konfrontieren.“ „Ja, gerade das kann ich nicht. Ich fürchte einen Eklat, der meine sonst gute Beziehung zu diesem Kollegen zerstört.“ Der Supervisor fragt, ob sie denn mit solchen Männern bereits Erfahrungen habe? Zu seiner Überraschung antwortet sie spontan: „Ja, mit meinem Vater. Mit dem streite ich seit meiner Kindheit. Der wird schnell laut, ungerecht und reagiert beleidigt.“

Nicht immer gibt es solche schnellen Übersetzungen, die einen Analogieschluss herstellen lassen und ein Nacherleben ermöglich. Ja, an den Vater hatte sie während der Sitzung nicht gedacht. Sie hatte ihn vergessen. Gut so, denn wie könnte sie frei und autonom handeln, wenn sie dauernd an ihn dächte? Im Verlauf jener Szene ist er plötzlich aus dem Vergessen wieder da. Kopräsent neben jenem Kollegen kann er in den reflektorischen Diskurs einbezogen werden.