Rückschau zum Fachtag Gender-Identitäten - zwischen Selbstbestimmung und Deutungsmacht

Fachtag 3 am 12./13.12.2025

Wie schon bei den beiden ersten Fachtagungen zu Rassismus und Armut/ Klassismus nahmen wir auch beim Thema Gender – Identitäten die Auseinandersetzung mit bestehenden Machtverhältnissen und die damit verbundenen Diskriminierungsdynamiken in den Blick.

Prof. Dr. Tatjana Schönwalder-Kuntze ermöglichte zum Einstieg in die Veranstaltung eine Verortung des Themas durch ihren Vortrag Feminismus, Gender, Diversity – eine historische und philosophische Einordnung der Begriffe und ihrer Entwicklung. Die nachfolgenden Stichworte sind notwendigerweise nur ein Anspielen der fundierten Überlegungen:

Der Begriff „Feminisierung“ als Abweichung von einer neu entstehenden Norm des Männlichen taucht erstmals mit Beginn der Industrialisierung und der damit verschärften Arbeitsteilung auf. Das mit der Aufklärung gegebene Versprechen der Gleichheit und Freiheit aller Menschen führt erst 200 Jahre später zur rechtlichen Gleichstellung für Frauen in Deutschland. Obwohl dieser Prozess zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich an Fahrt aufnahm, dauerte die Umsetzung in Deutschland noch bis zur Jahrtausendwende (erst 1997 verabschiedet der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Vergewaltigung in der Ehe).  

Die Perspektive auf die „soziale Kategorie Gender“, die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen im Unterschied zum körperlichen Geschlecht – „gender und sex“ – ermöglichte ab den 1950er Jahren, die bewertenden Zuschreibungen in den Alltagspraxen unabhängig von der sichtbaren geschlechtlichen Zugehörigkeit ins Zentrum zu rücken. Erst in den 1990er Jahren wurde die hierbei noch vorausgesetzte Zweigeschlechtlichkeit als naturgegebene Tatsache zunehmend kritisch hinterfragt. Mit der Anerkennung der Unterschiedlichkeit jede* Einzelnen konnte der Feminismus Teil einer globalen, auch andere Unterscheidungsachsen (‚race‘, Klasse) einbeziehenden, Emanzipationsbewegung werden.

Weiterentwickelt beschreibt Vielfalt – „Diversity“ –einerseits den Gedanken, dass jede Person einzigartig ist. Andererseits steht ‚Diversity‘ aber auch für eine kulturelle Pluralität, also für unterschiedliche Gruppen (-zugehörigkeiten). Die instrumentelle Verwendung von ‚Diversity‘ in den Forderungen nach Gleichberechtigung und Gleichbehandlung, erzeugt dabei ein nicht auflösbares Spannungsverhältnis: Einerseits erleben sich Menschen als Teil einer benachteiligten Gruppe, weil sie so von anderen wahrgenommen oder kategorisiert werden. Also müssen die scheinbaren Gruppenunterschiede benannt werden und sie sich zuordnen, wenn sie Gleichwertigkeit und entsprechende gesellschaftliche Anerkennung und Zugänge zu Chancen fordern. Andererseits sollten langfristig alle Einordnungen, auf denen Urteile über Gruppen beruhen, überflüssig werden, damit alle Personen eine Anerkennung ihrer selbst als einzigartig (er-)leben können.

Was tun? Tatjana Schönwalder-Kuntze schlägt Respekt als eine Haltung der „unendlichen Blickwiederholung“ vor: ein Wahrnehmen der anderen Person, ohne diese unmittelbar in Kategorien einzuteilen und so zu identifizieren. Dies kann entstehen durch ein stetes Hinterfragen eigener Vorannahmen und den Austausch dazu mit dem Wissen, dass dies immer nur vorläufig ist. Dann wäre es als politisches Ziel anzusetzen, institutionelle und politische Veränderungen daran zu messen, dass Respekt in diesem Sinn möglich ist.

Dieser Schlusspunkt stellte eine sehr passende Überleitung her zu Ines Stöhr, die uns in einem zweiten Vortrag zum Thema: Ich zwischen den Zeilen – Unterwegs im Spannungsfeld von Genderbegriffen und gelebter Identität Einblicke in ihre Geschichte und Erfahrungen schilderte.

Sie zeigte uns, wie eine respektvolle Haltung aussehen kann: mit großer Selbstverständlichkeit und in zutiefst annehmender Weise schilderte sie ihren eigenen Weg als non-binäre Person und ihre Haltung, sich dem eigenen und dem (Selbst-)Verständnis anderer Personen anzunähern.

Das Modell der „Genderbread Person“ bildet die Vielschichtigkeit in Bezug auf Geschlechtliche Identität ab. Folgende Dimensionen sind wirksam und dabei von der Person für sich angenommen und gefühlt, aber auch durch andere wahrgenommen und zugeschrieben: Identität, Anatomisches Geschlecht, bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht, Ausdruck/ Auftreten und romantische und sexuelle Orientierung.

Worte und Sprache für sich zu haben, sind für das Erleben zentral. Beispielsweise kann die Darstellung in Filmen und Literatur ein Weg sein, unterschiedliche Lebensentwürfe kennen zu lernen. Nur Sichtbarkeit ermöglicht eine Veränderung gesellschaftlicher Landkarten, das Aufdecken von Missständen, das Aufbrechen alter Geschlechterordnung, Einfluss auf politischer Ebene und Sichtbarkeit auf psychologischer Ebene. Ines Stöhrs Einschätzung: Ohne Sichtbarkeit keine Sprache, ohne Sprache keine Rechte und ohne Rechte keine Sichtbarkeit!

Schritte in die Umsetzung einer respektvollen Haltung können sein: eine neugierige und zutrauende Haltung, Sprache als Einladung, Reflexionsräume für Privilegien-Checks, Erfahrungsräume, Schutz und Sicherheit herstellen, Anerkennung eigener Irritationen, einen Blick für die eigenen verinnerlichten Normen, Gleichwertigkeit als Grundprinzip.

Am Samstag bot der Workshop mit Jana Haskamp einen solchen Raum, sich zu den eigenen Bildern und Erfahrungen mit geschlechtlicher Vielfalt und den Konsequenzen für Supervision und Coaching auszutauschen. Traditionelle und modernisierten Anforderungen an Weiblichkeit und Männlichkeit und Anforderungen an queere Menschen sind im Alltag immer da. Sie wirken durch Anerkennungsprozesse, aber auch durch Sanktionierung bei Überschreitung. Die widersprüchlichen Erwartungen in Bezug auf Geschlecht sind verbunden mit Auf- und Abwertung.

Für Beratung und Training bedeutet dies: Geschlecht prägt Beziehungserfahrungen und taucht deshalb unweigerlich in der Supervision auf. Körper werden geschlechtsspezifisch gedeutet, verschränkt mit Diskriminierungskategorien. In Gruppen tauchen geschlechtlich codierte Rede- und Machtverhältnisse auf. Es gibt auch Übertragungsdynamiken auf die Supervisor:innen selbst. Beispielsweise werden, wenn sich jemand als queer vorstellt, schnell Zuschreibungen vorgenommen und oft nicht hinterfragt, wie „da ist Expertise für die Marginalisierung und politische Aktivität für die eigene Subgruppe“.

Die Arbeit mit den hervorragend anschaulichen Fallbeispiele ermöglichten es zum Abschluss, ganz konkret in kleinen Gruppen zu Fragestellungen rund um geschlechtliche Identität zu reflektieren und mögliche Interventionen anzudenken.

Der Austausch über die eigene Praxis in Beratung und Training steht am Anfang. Es gibt sehr viel zu entdecken und zu verstehen – zu den Einzelnen, zu Gruppen und zur Gesellschaft als Ganzes.